Ein Soufflé im Parlament
Sonntag Aktuell - 7.8.2005 - Seite 3
Wahlzeit ist die Zeit der Reden. Doch ob TV-Duell, Wahlkampf oder Bundestagsdebatten: Reden ist eine Kunst, die manche gut, andere weniger gut beherrschen. Über Angst, Alphatiere und die schamhaft totgeschwiegene Zunft der Redenschreiber.
Von Susanne Stiefel
Rezzo Schlauch war das Versuchskaninchen - und hat es nicht einmal bemerkt. Es war kurz vor der entscheidenden Bundestagssitzung, in der Bundeskanzler Schröder mit einem Misstrauensantrag den Weg für Neuwahlen frei machen sollte. Schlauch saß mit dem Grünen-Vizekanzler und Parteifreund Joschka Fischer in der Bundestagsgaststätte. Der sollte gleich reden, war dennoch ganz entspannt, beleidigte so nebenbei zwei Journalisten vom Berliner "Tagesspiegel", um sich in Form zu bringen, und plauderte mit dem gewichtigen Stuttgarter Grünen über das Leben, die Politik und - Soufflés. "Ich hab' mich gewundert", sagt Schlauch, "wusste aber Bescheid, als Fischer Angela Merkel als Soufflé bezeichnete." Der Redner Joschka Fischer fragt nicht um Rat, Fischer testet aus.
Viele Menschen haben diese Bundestagssitzung Anfang Juli im Fernsehen verfolgt. Schließlich war sie der erste Schritt Richtung Neuwahlen, welche die Mehrheit derzeit herbeisehnt. Sie hörten die Reden eines staatsmännischen Kanzlers Schröder, einer eher blassen Herausforderin Merkel, die sich oft versprach und mit der Metapher vom Schmierstoff ("Vertrauen ist der Schmierstoff jeder Demokratie") einem kämpferischen Vizekanzler Fischer die Vorlage lieferte für manches Wortspiel zum Thema CDU und Schmiergeldaffären. Doch wer erfahren will, wie denn nun Schmierstoff oder Soufflé in einer Rede landen, wer alles beteiligt ist an einem Manuskript, wer frei spricht oder wer eher an der Vorlage klebt, der stößt auf eine Mauer des Schweigens. "In Deutschland herrscht eine seltsame Verklemmtheit bezüglich der Rede", sagt Peter H. Ditko.
Ditko ("H. wie Heinz") ist Leiter der Berliner, früher Bonner, Rednerschule, die seit 1978 Politiker in die Kunst der Rede einführt und Redenschreiber für Politik und Wirtschaft ausbildet. "Ihr habt zwei Möglichkeiten", klärt der Herr der Worte Parlamentsfrischlinge auf, "entweder ihr arbeitet hart in den Ausschüssen, oder ihr schult eure Rhetorik." Etwa 15 Prozent der Abgeordneten lassen sich von ihm zum Reden bringen, und selbstverständlich nennt der 61-Jährige keine Namen. Diskretion ist Ehrensache, auch im Schiff an der Spree, wo die Schule logiert. Wer plaudert, hat bald keine Kunden mehr.
"In Amerika und England spricht man offen über Rhetorikkurse oder Redenschreiber", sagt der Wortkünstler. "In Deutschland meint jeder, er müsse alles selber können." Dabei liegt es auf der Hand, dass ein Politiker an einem Vormittag nicht vier öffentliche Auftritte samt Gruß- und Lobesworten zu vier verschiedenen Themen einfach aus dem Ärmel schütteln kann. Doch keiner spricht über jene, die diese Arbeit erledigen. Und wenn dann doch mal einer das Wort ergreift, erzählt Ditko, so wie ein Redenschreiber Richard von Weizsäckers, und sich gar mit seinen Taten brüstet, dann ist er ganz schnell weg: Die Lorbeeren setzen sich die Redner auf. Ihre Schreiber haben keine Namen. Außer sie sind so unabhängige Köpfe, wie der jüngst verstorbene Reinhard Hesse, lange Zeit überzeugend des Kanzlers Stimme.
Im Umfeld von Joschka Fischer plaudert man gerne über den Chef - natürlich nur anonym. Die meisten in Partei und Auswärtigem Amt halten Fischer für einen begnadeten Redner, gestählt bei den streitlustigen 68ern. Der Ex-Sponti aus der Frankfurter Szene diskutiert leidenschaftlich gerne und häufig mit Mitarbeitern und Parteifreunden. Aus diesen Debatten fließen immer wieder Gedanken und Formulierungen in seine Reden ein, außerdem werden Gags an Versuchspersonen auf ihre Tauglichkeit geprüft. Manches findet so seinen Weg in ein Redemanuskript, das oft keines ist. "Manchmal hat er einen Zettel, da stehen zwei, drei Stichworte drauf", sagt einer, "manchmal ist der Zettel aber auch leer, nur, damit er wenigstens irgendwas in der Hand hat, wenn er zum Rednerpult geht. Genau weiß man das bei Fischer nie." Fischer oder die Gabe der Rede. Der Mann ist für Überraschungen gut. Nicht nur für ungewöhnliche Metaphern.
In Angela Merkels Umfeld hingegen ist weniger zu erfahren. Nur so viel: "Die Metapher vom Schmierstoff hat sie selbst zu verantworten." Vermutlich versuchen Redenschreiber bei einer eher spröden Figur wie Merkel wenigstens sprachlich etwas Pepp ins Spiel zu bringen. Kann sein, dass sich da einer vergaloppiert hat. Kann sein, dass Angela Merkel die Viel- und Doppeldeutigkeit nicht klar geworden ist. Spekuliert wird viel. Klar ist jedoch, dass die bisher wichtigste Rede der Kanzlerkandidatin in diesem Jahr keinem Redenschreiber angelastet werden kann. Ein Manuskript wird immer gegengelesen, korrigiert, diskutiert und umgeschrieben. Die politische Verantwortung liegt bei der Rednerin.
Auch im Haifischbecken Parlament. Denn vorne am Pult im Parlament zu stehen, das erzählt mancher Abgeordnete mit stockendem Atem, das ist Reden unter verschärften Bedingungen. Da gibt es Zwischenrufe, Schmähungen und Aggressionen vom politischen Gegner. Um das auszuhalten, souverän und ohne Versprecher, muss man ein Alphatier sein. "Als Redner darf man keine Angst haben", bestätigt Sprechlehrer Peter H. Ditko. Machtorientiert müsse ein Redner wirken, Frauen seien da von Natur aus benachteiligt. Warum? "Weil sie schmalere Stimmen haben", sagt Ditko. Jährlich vergibt er einen Rednerpreis. Joschka Fischer hat ihn schon bekommen, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. Und bei den Frauen Renate Künast und Angela Merkel.
Man wird Joschka Fischers Soufflé-Attacke nicht als historische Rede bezeichnen können. Diese entstehen in dramatischen Situationen großer Umbrüche, in Zeiten von Krieg und Frieden. Die Rede Martin Luther Kings in den 60ern gehört etwa dazu, in der der Schwarzenführer seinen Traum von einem liberalen Amerika darlegt. Oder die Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai 1985, in der er die Weichen stellte für den historischen Umgang mit der Nazivergangenheit. Oder die Blood-sweat-andtears-Rede Winston Churchills, in der er bekennt: "Ich habe nichts anzubieten als Blut, Schweiß und Tränen." Und doch ist es der Traum eines jeden Redners, wenigstens Worte zu schaffen, die bleiben. Worte wie "Ik bin ein Berliner" von John F. Kennedy. Oder den griffigen Slogan von Bayern als dem Land, das "Laptop und Lederhose" vereint.
Dabei helfen Redenschreiber. Thomas Östreicher etwa, der zwei Jahre Heide Simonis seine Kreativität und Sprachgewandtheit geliehen hat. Der gelernte Journalist weiß: Wer gut sein will in diesem Beruf, muss hineinkriechen in einen anderen Menschen, das geht bis hin zu Gestik, Mimik oder Intonation, "und ist ein bisschen schizophren". Östreicher liebt das Wort, doch der Profi weiß auch: "Manchmal ist schweigen besser." Vielleicht überlegt sich das Angela Merkel, wenn sie sich nur einmal mit Gerhard Schröder duellieren will. Übrigens: Heide Simonis stand immer zu ihrem Einflüsterer und hat sich sogar gemeinsam mit ihm interviewen lassen. Es geht auch weniger verklemmt.
Ein guter Redner braucht jenseits aller Hilfe ein Gespür für die Situation. Wer frei spricht, hat den Kontakt zu seinen Zuhörern, kann testen, wie er ankommt oder ob er den Ton ändern muss. Joschka Fischer hat vor der Soufflé-Rede seine Vorredner genau beobachtet. Er wusste, dass er nach der würdevollen Rede Schröders Kampfgeist demonstrieren konnte, als Gegenpol und Ergänzung. Er hat sogar mitgeschrieben, als Angela Merkel geredet hat. "Als ich das gesehen habe", sagt Rezzo Schlauch, "da hab' ich gewusst: ,Leute, jetzt müsst ihr euch warm anziehen.'"
Wahrscheinlich ist sowieso Rezzo Schlauch schuld. Es war wohl sein Grinsen, welches das Soufflé in den Bundestag gebracht hat.
© 2005 by Susanne Stiefel/Sonntag aktuell, Stuttgart.
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Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.